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AQUA 02 | 1
Jennifer Franz - Das Interview
Jennifer Franz - Das Interview
AQUA Jenny, du studierst nun schon ein gutes Viertel Jahr. Wie gefällt dir dein Studienort Osnabrück, deine neue Umgebung und deine Fächer nach dieser Zeit?
Jenny Seit dem 15. Oktober 2001 studiere ich in der Weltstadt Osnabrück mit doch beeindruckenden 165 Tausend Einwohnern!! Ehrlich gesagt, als ich die Bestätigung fürs Studium bekommen habe und dann hörte: Osnabrück, war mir doch etwas mulmig. Osnabrück sind doch 400 Kilometer von zu Hause entfernt! Für die, die nicht wissen, wo Osnabrück ist, es liegt zwischen Münster in Westfalen und Bremen, nahe der holländischen Grenze. Ansonsten ist es hier doch sehr schön, natürlich nicht zu vergleichen mit dem schönen Bingen und der tollen Rheingegend, aber für eine Großstadt finde ich OS super schön.
Da ich mal Sportmanagerin werden will, gibt es nicht viel Auswahl in Deutschland, dieses zu studieren. Deshalb bin ich hier gelandet. Offiziell studiere ich jetzt Sportwissenschaften als Hauptfach und habe die Nebenfächer VWL und Politik, das Ganze auf Magister neun Semester Regelstudiendauer. Ich bin sehr zufrieden mit meinen Fächern und kann mich wenig beschweren. :-)
AQUA Aufgrund der Entfernung kannst du nur alle drei bis vier Wochen nach Hause, sprich Trechtingshausen. Ist es deiner Meinung nach eine große Umstellung?
Jenny Wie gesagt, 400 Kilometer sind schon ne Menge: Und am Anfang hatte ich schon ein wenig Bammel, aber mit 22 Jahren war es auch langsam Zeit, von zu Hause weg zu kommen. Natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn ich mein Studium in Mainz verbringen könnte, aber so ein Ortswechsel bringt auch vieles Positive mit sich. Ich habe meine eigene kleine Bude, neue Leute kennen lernen, selbst wieder Zeit zum Schwimmen und endlich den ersehnten Beruf anstreben. Heimweh habe ich sehr selten, klar fehlen mir meine Freunde von daheim, meine SSV-Kids und natürlich mein Freund. Aber es lässt sich irgendwie arrangieren.
AQUA Der erste Weg, den du eingeschlagen hast, war eine bankinterne Ausbildung, die du nun erst kurz vor Studienantritt abgeschlossen hast. Schwebte dir der Studienwunsch schon länger vor, oder kam die Entscheidung eher kurzfristig?
Jenny Sportmanagement wollte ich auch schon direkt nach dem Abi studieren. Vor zwei Jahren war Sportmanagement noch ganz neu, und deshalb hatte ich mich nur an der FH in Remagen beworben. Ich hatte leider kein
Glück, bei den 20 zu vergebenden Plätzen dabei zu sein. In der Hinterhand hatte ich die Bankausbildung. Bei zwei Elternteilen, die Bankkaufleute sind, war dies nicht fern. Ich bin auch sehr froh, die Ausbildung gut abgeschlossen zu haben. Ich bereue es keineswegs. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Nach meiner Prüfung habe ich eine sehr interessante Stelle bekommen mit eigenem Büro und eigenen Sekretärinnen. Das war echt cool. Deshalb fiel mir die Entscheidung, die Kündigung einzureichen, nicht gerade leicht. Aber ich hätte es später bereut, die gebotene Chance nicht ergriffen zu haben.
AQUA Bei deiner Fächerkombination hast du einen kleinen Tausch vorgenommen. Warum das?
Jenny Das ist richtig. Mein Hauptziel ist ja das Sportmanagement. An einer FH hätte sich alles darauf ausgerichtet, doch dort sind die Plätze sehr begrenzt. An einer Uni studiert man Sportwissenschaften auf Magister. Bei einem Magisterstudium muss man entweder zwei Hauptfächer oder ein Hauptfach mit zwei Nebenfächern belegen. Das Hauptfach war klar, Sportwissenschaften. Bei den Nebenfächern war es schwerer. Die Wahl fiel auf VWL und Informatik. VWL kannte ich schon aus der Bankausbildung, Informatik klang einfach gut. Ein Irrtum. Informatik ist sauschwer. Deshalb gab ich es nach vier Wochen auf und entschied mich für Politik. Ich bereue es keineswegs. :-) Politik ist ebenfalls sehr interessant, und meine drei Fächer bieten mir sehr viel Abwechslung.
AQUA War es dir ein besonderer Wunsch, dein späteres Berufsleben mit dem Schwimmsport zu verbinden?
Jenny Schwimmsport muss es nicht direkt sein, aber es wäre schön. Mir ist es nur sehr wichtig, dass ich dem Sport treu bleibe. Ohne geht einfach nicht lange. Wenn ich schon nicht selbst Sport treiben konnte, musste ich wenigstens dabei sein. Auch „Trainersein“ ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe hier in OS einen Anfängerschwimmkurs übernommen und vertrete öfters meine Kollegen. Ich kann es einfach nicht lassen. Ein Hobby von mir, „Kinder quälen“. :-) Ich hoffe, dass ich einen Beruf im Sportbund finde oder in einem großen Verein. Das wäre echt klasse!
AQUA Wie vielen bekannt, hast du im Laufe deiner Schwimmkarriere, und ich denke das Wort Karriere ist hier angebracht, nicht nur auf Landesebene eine Rolle gespielt sondern auch national stark mitgemischt. Gibt es ein Ereignis, auf das du besonders stolz bist, das dir sehr gut in Erinnerung geblieben ist, oder spielten Medaillen und Sekunden eine eher untergeordnete Rolle?
Jenny Oh, da gibt es einiges. Zu der jeweiligen Zeit war mir das selbst nie bewusst, wie schnell ich eigentlich war. Erst jetzt staune ich über meine eigenen Zeiten. Frage tauchen auf wie: Hätte ich ein Sportinternat besuchen sollen? Hätte ich zu einem größeren Verein wechseln sollen? Was wäre passiert, wenn ich mir nicht den Arm gebrochen hätte?
Ich kann schon sagen, dass ich sehr stolz auf mich bin. Ein besonderes Ereignis für mich war das Jahr 1997. Das war mein 'Durchbruch'. Im März wurde ich in Offenbach zum ersten Mal offene Süddeutsche Meisterin über 800 Meter Freistil. Kurze Zeit später in Freiburg kam ich als Vorlaufsschnellste über 400 Meter in den Endlauf. Das war cool. Wir sind mit dem Lied 'The Eye of the Tiger' eingelaufen. Tja, auch hier wurde ich Erste. Die Deutschen Meisterschaften in München waren der Höhepunkt in diesem Jahr. Über 400 Meter kam ich als achte Gerade so in den Endlauf. Im Endlauf selbst wurde ich 7. Viel weiß ich nicht mehr von diesem Lauf, ich war nur riesig nervös: das TV und all diese berühmten Schwimmerinnen Dagmar Haase, Kerstin Kielgaß und und und. Was verblüffend ist, dass ich damals noch schneller als Hannah Stockbauer war. Über 800 Meter wurde ich dann auch noch achte!
Ansonsten waren für mich nie Medaillen wichtig, ich war immer schon sehr selbstkritisch und achtete bzw. achte jetzt noch mehr auf die Zeit. An dieser Stelle möchte ich ein Lob an Martin Kalk loswerden. Dank ihm wurde ich so schnell. Vielen Dank!!
AQUA Der SSV Bingen ist ein kleiner, überschaubarer Verein, nicht zu vergleichen mit den konkurrierenden Klubs der angrenzenden Städte Mainz, Wiesbaden oder gar Frankfurt. Besonders mit dem jährlich stattfindenden ‚Internationalen Schwimmfest‘ versuchte der SSV bis dato die Attraktivität dieses Sports in der Region zu fördern, nationale und internationale Talente nach Bingen zu holen. Doch leider gelang es im Laufe der Jahre immer weniger, diesen Forderungen gerecht zu werden. Was denkst du ist der Grund dafür, und wie hast du möglicherweise versucht, dem entgegen zu wirken? Wo lag deine Motivation, neben dem Beruf und später Studium auch weiterhin den SSV mit deiner Arbeit zu unterstützen.
Jenny Tja, da bin ich ein wenig überfragt. Ich war erst die letzten zweieinhalb Jahre Trainerin, und das Ansehen des Internationalen hat schon vorher gelitten. Wir hatten sehr viel Pech mit unserem Schwimmbad, das war auch ein Faktor. Nach der Veranstaltung im Jahr 2000 hatte ich viele Vorschläge für den nächsten Termin gemacht. Jedoch entschied sich die Vereinsführung für einen eintägigen Wettkampf mit dem Schwerpunkt auf Nachwuchs. Mir wäre lieber gewesen, wenn ein Wettkampf in der Form der früheren Jahre rausgesprungen wäre, aber durch die Schwimmbadmisere ist diese Planerei überflüssig geworden.
Ich bin seit 1987 Mitglied im SSV. Durch mein vieles jahrelanges Training ist der Verein ein Teil meines Lebens geworden. Als Herr Kalk ankündigte, bald aufzuhören und weniger zu machen, war es für mich schwer, ihm mitzuhelfen. Dass er dann plötzlich ganz aufhörte, von jetzt auf gleich, war dann doch sehr überraschend, und meine eigene Schwimmkarriere wurde stillgelegt. Die letzten zweieinhalb Jahre waren sehr schön, aber auch anstrengend. Manchmal hätte ich mir mehr Unterstützung von Seiten der Schwimmer und der Vereinsführung gewünscht. Die Entscheidung zu gehen, fiel mir nicht sehr leicht, aber ich finde es schade, dass keine Reaktion von der Vereinsführung und sehr wenig von den Schwimmern kam. Es wurde vieles für selbstverständlich und natürlich angesehen. Ein nettes ‚Dankeschön‘ oder ein ‚Auf Wiedersehen‘ hätte mich gefreut.
AQUA Was wünschst du dir für die Zukunft des Vereins, deiner Freunde hier in Bingen und vor allem für deine Zukunft?
Jenny Ich hoffe, dass der Verein mehr Glück mit dem Schwimmbad hat und wieder ein tolles und klasse Schwimmfest veranstaltet. Dann könnte ich viel Werbung hier im hohen Norden machen und ein paar Vereine mitbringen. Ein Trainingslager könnte auch wieder frischen Wind mitbringen. Meine Versuche sind leider durch Teilnehmermangel fehlgeschlagen. Für die 1. Mannschaft wünsche ich viel Erfolg in diesem Jahr, vor allem, dass ihr alle gesund bleibt. Ihr dürft euer eigenes Ziel nicht aus den Augen verlieren und müsst den inneren Schweinehund überwinden und fleißig trainieren.
Für mich selbst wünsche ich mir Fleiß fürs Lernen und Trainieren. Ich hoffe, dass ich mein Studium gut schaffe und meinen Traumjob finde.
AQUA Danke für das Interview aber natürlich auch dein Engagement, deine Zeit und am wichtigsten deine Geduld mit uns während der vielen gemeinsamen Stunden. Viel Glück und Erfolg für deine Zukunft!
Jenny Ich will noch mal sagen, dass ihr mir echt fehlt und hoffe, dass ihr mich nicht alle vergessen werdet.
Ich werde euch bald wieder besuchen.
Viele liebe Grüße an alle, Eure Jenny!!!! :-)
Das Interview wurde geführt von: Matthias Müller
Veröffentlichung: AQUA 1 | 2002

