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AQUA 08 | 2
Maurer fehlten 1,25 Meter zur Medaille
Maurer fehlten 1,25 Meter zur Medaille

Angela Maurer gab alles, aber am Ende fehlten 1,25 Meter
zu einer Medaille.
PEKING (04.08.2008) - Angela Maurer verstand die Welt nicht mehr und weinte hemmungslos. Zehn Kilometer lang hatte die Schwimmerin alles gegeben, war bis an die Grenze gegangen - und dann fehlten gerade mal 1,25 Meter zu einer Medaille. „Dieser vierte Platz ist der blödeste überhaupt“, sagte die Schwimmerin der SG EWR Rheinhessen-Mainz und ließ sich auch von DSV-Cheftrainer Örjan Madsen nicht trösten: „Es war so knapp, das Rennen hätte 20 Meter länger sein müssen.“
Zwar war Maurer mit ein wenig Abstand immer wieder erfolglos um ein Lächeln bemüht und meinte, sie könne „trotzdem glücklich“ sein, doch ihre nach unten gezogenen Mundwinkel sprachen da eine deutlich andere Sprache. Sie habe bewiesen, dass sie mit 33 Jahren in der Weltspitze schwimmen kann, meinte die Europameisterin nach der Olympia- Premiere der 10-km-Langstrecke trotzig: „Darauf bin ich stolz.“ Ein Karriereende schloss Maurer im Hinblick auf die WM 2009 in Rom aus. „Ich muss zwar erstmal alles sacken lassen, aber ich werde weitermachen“, sagte die angehende Polizeibeamtin.
Nach einem schwachen Start machte Angela Maurer in der zweiten Rennhälfte Platz um Platz gut. Am Ende fehlten im Schlussspurt nach 1:59:31,9 Stunden jedoch umgerechnet 1,25 Meter auf die Drittplatzierte Britin Cassandra Patten (1:59:31,0). Ihrer Favoritenrolle wurde die russische Weltmeisterin Larissa Iltschenko (1:59:27,7) gerecht, die lange Zeit im Windschatten schwimmend noch an Keri-Anne Payne aus Großbritannien (1:59:29,2) vorbeizog und Gold holte. Zu kämpfen hatten alle Schwimmerinnen nicht nur mit den Gegnerinnen, sondern auch mit den extremen Bedingungen von etwa 28 Grad Wasser- und 31 Grad Außentemperatur auf der Ruderstrecke im Shunyi Park. „Die Sonne hat unglaublich geknallt, da haben wir sogar im Wasser geschwitzt“, sagte die WM-Siebte Maurer: „Wer da nicht genug trinkt, bekommt am Ende die Quittung. Vielleicht hätte ich mehr trinken sollen.“
Da denke ich gar nicht daran, dass mir ein Bein fehlt
Auch Natalie du Toit war mit ihrem 16. Platz (2:00:49,9) nicht ganz zufrieden, doch für die erste beinamputierte Sportlerin bei Olympischen Spielen war das Rennen mehr ein Zeichen des Willens. „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich wollte allen Menschen mit Behinderungen zeigen, dass sie alles schaffen können, was sie sich vornehmen“, sagte die Südafrikanerin. Du Toit, die ihr linkes Bein bei einem Unfall vor sieben Jahren verloren hatte, spürte keinen Wettbewerbsnachteil. „Im Wasser sind wir alle gleich. Da denke ich gar nicht daran, dass mir ein Bein fehlt“, sagte die WM-Vierte. Nach den tollen Eindrücken in Peking wolle sie unbedingt auch bei Olympia in London starten: „Ich komme 2012 hoffentlich zurück. Und dann will ich unter die besten Fünf.“
Praktikum statt Olympia

Christian Hein
Fast vier Jahre lang hatte auch der zweite SG-Hoffnungsträger auf Olympia-Teilnahme, Christian Hein, auf den 21. August 2008 hingearbeitet. Doch Hein wird dort nicht an den Start gehen. Ausgerechnet in Sevilla beim Qualifikationsrennen für Peking belegte Hein, der bei den Weltmeisterschaften in den Vorjahren jeweils unter den ersten Zehn platziert war, nur den 20. Platz. Fehlende Wettkampfpraxis und Trainingsrückstand nennt der 25- Jährige als Gründe. "Ich hatte zwei, drei Monate lang immer wieder mit Erkältungen zu kämpfen. Erst in den beiden Monaten vor dem Wettkampf ging es mir gut", sagt Hein. Aber da war der Rückstand schon groß. Und so zerplatzte am 3. Mai sein Traum, zum zweiten Mal nach Athen 2004 an den Spielen teilzunehmen. "Olympia ist etwas Besonderes. Es ist nur alle vier Jahre. Und Olympia schreibt seine eigenen Gesetze. Da gibt es die meisten Überraschungen und Enttäuschungen." Was auch schon für die Qualifikation gilt, wie Hein sowohl im Positiven als auch im Negativen erleben durfte. "Vor vier Jahren stand ich praktisch nicht auf der Liste und habe mich dann qualifiziert." Und Beim Verarbeiten der Enttäuschung hilft ihm sein berufliches Fortkommen. Im Rahmen seines Wirtschaftsingenieur-Studiums absolviert er ein 20-wöchiges Praktikum bei "Bioscientia" in Ingelheim, arbeitet dort zur Zeit im Controlling und hofft, dort auch seine Diplomarbeit schreiben zu können. "Schon zwei Wochen nach dem Aus konnte ich dort anfangen. Das war eine Erleichterung. Es hilft mir, dass das Praktikum so viel Spaß macht." Im März will er sein Studium dann abschließen. "Der Beruf ist jetzt das, was an Nummer eins steht", sagt Hein. Nur wenn es mit seinem zukünftigem Arbeitsplatz vereinbar ist, ist es für ihn überhaupt noch denkbar, Hochleistungssport zu betreiben.
siehe auch
Dossier Olympische Spiele Peking
Ob er aber tatsächlich noch einmal angreift, hängt laut Hein vor allem von dem ab, was sein Kopf sagt. Am liebsten würde er ein halbes Jahr lang eine Pause machen. "Aber ich habe Angst davor, mein Trainingspensum plötzlich auf null zu fahren, da ich dann gesundheitliche Probleme befürchte." Momentan schwimmt er ungefähr 30 Prozent seines sonstigen Trainingsumfangs. Dazu "gönnt" er sich Ausflüge in andere Sportarten und startet beim Mainz-Triathlon. Nach den Mannschafts-Meisterschaften im Spätjahr plant er eine zweimonatige Pause. "Ich will dann einmal meinen Geist testen. Will er es noch oder nicht? Ist mein Kopf noch heiß darauf? Dann entscheide ich, wie es weitergeht."
Verfasser: Matthias Müller
Veröffentlichung: AQUA 2 | 2008

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