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Acht Goldmedaillen: Mission Phelps ist erfüllt

8 Goldmedaillen: Mission Phelps erfüllt

PEKING (August 2008) - ''Das Drehbuch könnte von Steven Spielberg stammen. Da ist also dieser Junge, der in der Kindheit große Schwierigkeiten hat, der ohne Vater groß wird, nicht weiß, wohin mit seiner Hyperaktivität. Er tut sich in der Schule schwer, weil er sich nicht auf eine Sache konzentrieren kann, am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidet, gegen das er Medikamente nimmt.''

Dann entdeckt der Junge durch seine Schwester den Schwimmsport. Er findet einen Trainer, der sein Talent und sein Potential erkennt. Der Junge stürzt sich auf das Schwimmen wie ein Verdurstender aufs Wasser, er leitet seine ganze Energie über in diesen Sport, der nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Persönlichkeit verändert. Er bringt es zum besten Schwimmer der Vereinigten Staaten und 2004, bei den Olympischen Spielen in Athen, auch zum besten der Welt. Vier Jahre später ist Michael Phelps nun bei den Spielen in Peking zum erfolgreichsten Olympia-Athleten aller Zeiten aufgestiegen: Am Sonntag gewann der Amerikaner in Weltrekordzeit von 3:29,34 Minuten mit der 4 X 100-Meter- Lagenstaffel seine achte Goldmedaille, die vierzehnte bei Olympia. Damit übertraf er den Rekord seines Landsmanns Mark Spitz, der 1972 sieben Mal Gold geholt hatte.

„Du bist eine riesige Inspiration für junge Menschen“

Die Dramaturgie wäre nicht halb so wirkungsvoll gewesen, hätte sie nicht einige packende Spannungsmomente gehabt. Wie die 4 X 100-Meter-Freistilstaffel, als Jason Lezak Phelps' Projekt auf der letzten Bahn um Haaresbreite vor dem Scheitern bewahrt hatte. Oder das Rennen über 100 Meter Schmetterling am Samstag, in dem Phelps als Vorletzter gewendet hatte und den führenden Milorad Cavic am Ende in 50,58 Sekunden doch noch abfing, um eine Hundertstelsekunde - dank eines letzten, verzweifelten Armzugs, der ihm den entscheidenden Vorteil brachte. Und damit die eine Million Dollar, die sein Sponsor Speedo für die Einstellung des Rekords von Mark Spitz ausgelobt hatte. „Was du heute geleistet hast, war episch“, sagte ihm Spitz noch am Samstag in einem Fernsehinterview. „Du bist eine riesige Inspiration für junge Menschen in der ganzen Welt.“

Große Taten erfordern naturgemäß große Worte. Die Geschichte des Michael Phelps aber begeistert die Amerikaner nicht nur, weil jeder gerne mit erfolgreichen Sportlern feiert. Sondern auch, weil diese Geschichte eine uramerikanische ist. Michael Phelps ist die wandelnde Verkörperung amerikanischer Werte. Wenn die Hymne einsetzt, legt er die Hand aufs Herz, und es ist ihm ein Bedürfnis, dass seine Kollegen das auch tun, wenn er mit der Staffel auf dem Podest steht. Nach der Siegerehrung führt ihn sein Weg stets zu seiner Mutter an die Tribüne, mit der ihn seit Kindheitstagen eine enge Beziehung verbindet. Als er im November 2004 mit seinem Land Rover alkoholisiert ein Stoppschild ignorierte und zu 18 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde, sei das Schlimmste gewesen, seiner Mutter danach ins Gesicht zu blicken, sagt Phelps, in der Gewissheit, sie enttäuscht zu haben.

„Was immer du dir vornimmst, du kannst es schaffen“

Weltrekorde mit Beteiligung von Michael Phelps bei Olympia 2008 in Peking

Wenn Phelps über die Botschaft spricht, die von seinem olympischen Rekord ausgeht, tut er das in Sätzen wie: „Was immer du dir vornimmst, du kannst es schaffen.“ Sein Trainer Bob Bowman habe ihn gelehrt: „Nimm dir so hohe Ziele, wie du kannst.“ Und wenn es um Aussagen geht wie jene des Serben Cavic, der vor dem Finale über 100 Meter Schmetterling sagte, es wäre besser für den Schwimmsport, wenn Phelps mit seinem Projekt scheiterte, sagt der Superstar: „So was feuert mich mehr an als alles andere. Amerikaner wachsen mit der Herausforderung.“ Phelps hat das in seinen 17 Rennen in Peking auf eine Weise getan, die auch seine Kollegen beeindruckt hat.

Auf die Frage nach ihrem persönlichen Höhepunkt bei diesen Spielen sagte die Australierin Leisel Jones, zweifache Olympiasiegerin über 100 Meter Brust und in der Lagenstaffel: „Die Leistung von Michael Phelps.“

Tatsächlich hat Amerikas Beckenheld seinen Vorgänger Spitz nicht nur in der Zahl der Goldmedaillen übertroffen. Phelps musste, anders als Spitz, in seinen Einzelrennen auch noch Halbfinalläufe bestreiten, und: Während Spitz ausschließlich Freistil und Schmetterling schwamm und seine längste Strecke die 200 Meter waren, bestritt Phelps auch die Rennen über 200 und 400 Meter Lagen. Mit dem Resultat, dass nach Abschluss der Schwimmwettbewerbe die Privatrepublik Phelps in der Nationenwertung, zählt man allein die Goldmedaillen, vorübergehend auf Platz fünf rangierte. Und was nun, Michael Phelps? „In den nächsten vier Jahren fällt Bob und mir sicher ein neues Ziel ein“, sagt er lächelnd. Die Konkurrenz wird es mit Schrecken hören. Davor aber will Phelps seinen Olympia-Rekord für eine Sache nutzen, die ihm besonders am Herzen liegt: den Schwimmsport in den Vereinigten Staaten populärer zu machen. „Ich will nicht, dass das Schwimmen ein Vierjahressport bleibt“, sagt er. Das Interesse daran sei in den vergangenen Jahren schon stark gestiegen. Bevor er aber seine nächste historische Aufgabe angeht, hat sich Michael Phelps noch ein anders Ziel gesteckt. Eines, das er genauso konsequent verfolgen will wie alle anderen: „Erholen, rumsitzen, nichts tun. Und vor allem: nicht bewegen.“

Trainer vergleicht Phelps' Körper mit einem Boot

WELT: Mister Bowman, Sie sind der Entdecker von Michael Phelps. Was macht ihn so besonders?

Bob Bowman: Ich hatte noch nie einen Schwimmer gesehen, dessen Körper so sehr für den Sport geschaffen war wie Michaels. Schon als Zehnjähriger hatte er diese Proportionen, nur kleiner. Er ist ein Boot.

Phelps mit 7 Jahren

Phelps mit 7 Jahren

W: Als Michael 12 Jahre alt war, haben Sie prognostiziert, dass er 2012 zum besten Schwimmer aller Zeiten aufsteigen würde. Da haben Sie sich ja ganz schön verschätzt.

Bowman: Ja, da habe ich ein bisschen daneben gelegen (lacht). Wenn ich heute daran denke, dann amüsiert mich das natürlich. Aber es ist auch ein sehr gutes Gefühl, dass wir einen Plan hatten und ihn erfüllen konnten – auch, wenn wir schneller waren als gedacht.

W: Phelps ist im Becken ungewöhnlich vielseitig.

Bowman: Ja, das ist seine große Stärke. Wir haben darauf bestanden, dass er schon in einem sehr jungen Alter alle vier Schwimmstile trainiert und lernt. Über die Jahre haben wir daran festgehalten. Die meisten Schwimmer spezialisieren sich recht früh auf einen oder zwei Schwimmstile. Da Michael letztlich aufs Lagen-Schwimmen spezialisiert ist, musste er in jedem Stil zu einem Experten werden.

W: An Land wirkt Michael ungelenk, während er im Wasser in seinem Element ist. Trainieren Sie viel außerhalb des Wassers?

Bowman: Michael macht etwa eine Stunde am Tag Krafttraining, ansonsten trainiert er im Wasser. Vom Lauftraining haben wir Abstand genommen, denn er neigt dazu hinzufallen. Insgesamt hat Michael ein schönes Leben. Wenn man von den fünf Stunden am Tag absieht, in denen ich ihn quäle.

W: Inzwischen ist er der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten, dennoch schweigt er über seine Ziele.

Bowman: Wir wollen diese Ziele nicht aussprechen, ehe sie erfüllt sind. Es gibt Michael einen Extraschub Motivation, dass außer ihm und mir niemand weiß, was diese Ziele sind. Und wir können damit peinlichen Fragen vorbeugen, die sicher kämen, falls wir diese Ziele verfehlen würden.

Michael Phelps: Olympisches Gold bei der Staffel

siehe auch

Dossier Olympische Spiele Peking
Warum beim Schwimmen die Weltrekorde purzeln






















Verfasser: Matthias Müller nach Spiegel und Welt 17. August 2008
Veröffentlichung: AQUA 2 | 2008