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AQUA 08 | 3
Deutsche Meisterschaften: Licht in der nacholympischen Finsternis
Deutsche Kurzbahn-Meisterschaften: Licht in der nacholympischen Finsternis

Paul Biedermann haucht dem deutschen Schwimmsport immer wieder Leben ein
SG-Schwimmerin Nadine Pastor siegt über 1.500 Meter
ESSEN (1. Dezember 2008) - Helge Meeuw war begeistert. Weniger von sich selbst, obwohl er als Sieger über 100 und Zweiter über 50 Meter Rücken bei den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften der Schwimmer in Essen keinen Grund zur Klage hatte. Diesmal aber galt Meeuws Überschwang einem anderen.

Johannes Dietrich alias Hulk
„Es ist einfach geil, was der Paul hier abzieht“, sagte er. Gerade hatte „der Paul“, der Olympia-Fünfte Paul Biedermann, im Finale über 200 Meter Freistil eine weitere Spitzenzeit erzielt, 1:41,42 Minuten, keine sechs Zehntelsekunden über seinem eigenen Weltrekord. Über 800 Meter Freistil war er zuvor in Europarekordzeit von 7:35,23 Minuten erfolgreich gewesen, und am Sonntag schrammte er zur Krönung über 400 Meter Freistil in 3:34,98 Minuten um eine halbe Sekunde am Weltrekord vorbei. Es blieben der dritte Titel und der zweite Europarekord. „Die Zeit ist schön und gut“, sagte er, „aber erst wenn ich bei der EM in zwei Wochen neben den Top-Schwimmern bestehe, sehe ich mich bestätigt. Ich will jedes Rennen so schnell schwimmen, wie ich kann. Ich wusste ja, dass ich gut in Form bin. So kann es weitergehen.“ Der 22 Jahre alte Biedermann war der herausragende, nicht aber der einzige Schwimmer, der bei den Titelkämpfen mit guten Leistungen überzeugte, und so befand Meeuw denn auch: „Manche dachten ja, wenn jetzt ein paar Leute aufhören, ist alles aus. Aber man sieht: Es geht weiter.“ Eine, die ihre Schwimmlaufbahn beendete, ist Anne Poleska. „Es ist definitiv Schluss“, sagte die Olympia-Dritte 2004 von Athen als Zuschauerin am Beckenrand. In Peking war die 28-Jährige nicht über Platz zehn hinausgekommen.
Hulk: 105 Kilo und 1,83 Meter groß
„Solche Leute wie Paul brauchen wir“, erklärte der neue Bundestrainer Dirk Lange: „Er ist ein Vorbild, weil er in jedem Rennen Vollgas gibt. Wir fangen nicht bei null an,“ wie ein Mantra hatte Bundestrainer Dirk Lange diesen Satz bei seinem Einstand vor zwei Wochen wiederholt. Angesichts der katastrophalen Bilanz der deutschen Schwimmer bei Olympia in Peking klang das jedoch für manche schwer nach Pfeifen im Walde. Nun wurde Lange bestätigt. Eine Reihe von Athleten machte in Essen zum ersten oder auch zum wiederholten Mal auf sich aufmerksam. Johannes Dietrich beispielsweise. Zwei Europarekorde erzielte der 23 Jahre alte Schwimmer vom SC Wiesbaden über 50 Meter Schmetterling, und das, gab er zur Kenntnis, sei zwar erfreulich, keineswegs aber oberstes Ziel gewesen. „Ich wollte Weltrekord schwimmen“, sagte er. Tatsächlich fehlten dafür ganze zwölf Hundertstelsekunden - ein Wimpernschlag, zumal Dietrich noch deutliche Defizite in seinem Finallauf ausmachte: „Die Wende war Kacke, und der Anschlag war auch nicht optimal.“ Mit der Erklärung, was man mitbringen müsse, um so schnell zu sein, war er ebenso flott bei der Hand wie mit der Rennanalyse: „105 Kilo und 1,83 Meter Größe.“ Tatsächlich hat der Kurzbahnspezialist, Spitzname „Hulk“, nach der verpassten Olympia-Qualifikation zwölf Kilogramm zugelegt. Drei Monate lang trainierte er mit Bobfahrern, „fünf Stunden am Tag bin ich im Kraftraum gehangen“. Die zusätzliche Schnellkraft kommt ihm nun zugute, vor allem auf den Sprintdistanzen. Über 100 Meter Schmetterling musste er Thomas Rupprath den Vortritt lassen, der in 50,34 Sekunden seinen 75. deutschen Meistertitel gewann. Rupprath ist nach der Olympia-Enttäuschung auch mit reduziertem Training über 100 Meter Lagen in Deutschland ohne Konkurrenz.
Neue Hoffnung weckte auch Steffen Deibler. In Peking landete er auf seinen Strecken 100 und 50 Meter Freistil noch auf den Plätzen 33 und 38. Nun waren ihm die Erleichterung und die Genugtuung anzumerken, nachdem er seinen deutschen Rekord über 100 Meter auf 46,67 Sekunden gesteigert hatte - und bei der 50-Meter-Durchgangszeit nur eine Hundertstelsekunde langsamer war als der Schwede Stefan Nystrand bei seinem Weltrekord. Am Sonntag legte er im 50-Meter-Finale nach: In 21,30 Sekunden schaffte der 21 Jahre alte Hamburger den zweiten Sieg, wieder mit nationalem Rekord. Zu den neuen Gesichtern, die sich in Essen in den Vordergrund schwammen, zählte sein 18 Jahre alter Bruder Markus: Er schwamm über 200 Meter Lagen in 1:55,69 Minuten so schnell wie niemand zuvor in Deutschland. Überragender Nachwuchsmann aber war der ebenfalls 18 Jahre alte Brustspezialist Marco Koch. Er gewann drei Titel und stellte zwei deutsche Bestmarken auf, in 58,50 Sekunden über 100 Meter und in 2:06,57 Minuten über 200 Meter. Sein Vereinskollege vom DSW Darmstadt, der 19 Jahre alte Yannick Lebherz, überraschte mit einem deutschen Rekord über 400 Meter Lagen. Bei den Frauen dagegen hielten sich die Top-Resultate in Grenzen. Einzig Daniela Samulski gelang über 50 Meter Rücken in 26,89 Sekunden eine nationale Bestmarke.
Beinahe alle EM-Normen unterboten - von bis zu vier Schwimmern

Nadine Pastor gewinnt Gold über 1.500 Meter.
So fiel die Bilanz der Kurzbahn-Meisterschaften zwiespältig aus. Zwar wurden die Normen für die EM in Rijeka (Kroatien) auf fast allen Strecken unterboten, von bis zu vier Schwimmern. Andererseits hätte Bundestrainer Dirk Lange die Richtzeiten gerne noch schärfer formuliert. Denn trotz aller Lichtblicke in der nacholympischen Finsternis: Internationale Spitzenzeiten blieben in Essen - abgesehen von Ausnahmeschwimmer Biedermann - Mangelware. „Man muss realistisch bleiben“, sagte Lange. Geduld ist angesagt. Wir müssen nach draußen zeigen, dass der deutsche Schwimmsport nicht so schlecht ist, wie er sich bei Olympia in Peking dargestellt hat. Was im Augenblick einzig zählt, sind Leute,die Leistung bringen - egal ob groß, klein, alt oder hässlich.“ Was Lange überraschte, war die Breite viel versprechenden Nachwuchses in Deutschland - „eine gute Ausgangsbasis“, so der Bundestrainer, für die Spiele 2012 und 2016. Das beste Beispiel war Alexandra Wenk von der SG Stadtwerke München. Sie wurde über 200 Meter Rücken deutsche Meisterin, über 200 Meter Lagen und 50 Meter Rücken erzielte sie jeweils die drittbeste Zeit. Bei ihrem Sieg über 200 Meter Rücken unterbot sie die EM-Norm um mehr als eine Sekunde. Starten darf sie in Rijeka trotzdem nicht. Dafür müsste sie fünfzehn Jahre alt sein. Alexandra Wenk ist gerade mal dreizehn.
Sportliche Schlagzeilen auch für die SG Rheinhessen
Auch die SG EWR Rheinhessen Mainz? sorgte wieder für sportliche Schlagzeilen. Nachdem Routinier Christian Hein im letzten Jahr eine Silber- und eine Bronze-Medaille gewonnen hatte, „wollte ich dieses Mal eigentlich gar nicht starten. Aber weil die vorherigen Wettkämpfe so gut gelaufen sind, habe ich mich doch für eine Teilnahme bei den 800 Meter Freistil entschieden“, sagte Hein, der im direkten Duell auf Neu-Weltrekordler Paul Biedermann treffen sollte. „Gegen ihn habe ich sicher keine Chance. Aber der zweite Platz ist mein Ziel“, so Hein, der in 7:48,24 zwar tatsächlich mit Abstand von 13 Sekunden hinter Biedermann anschlug aber zur Freude seiner Vereinskameraden die Silbermedaille verbuchte. Der zweite SG-Schwimmer, Manuel Belzer, wurde in 8:01,24 Fünfter. Einen Sieg über dieselbe Distanz fuhr die 24- jährige Teamkollegin Nadine Pastor ein. Die neue Deutsche Kurzbahn-Meisterin triumphierte dank einer taktischen Meisterleistung mit 16:30,16 Minuten vor der Heidelbergerin Isabelle Härle (16:34,91). „Bis 1.100 Meter sind wir zu dritt an der Spitze geschwommen. Aber dann habe ich das Tempo forciert, weshalb ich mich auf den letzten 400 Meter absetzen konnte“, so Pastor überglücklich. „Ich hatte auf eine Medaille gehofft - dass es nun Gold ist, freut mich umso mehr.“ Zugleich bedankte sie sich beim neuen Chefcoach Lothar Schubert. „Herr Schubert hat die erste Mannschaft von heute auf morgen übernommen und wurde praktisch ins ‚kalte Wasser‘ geschmissen. Doch er hat uns super eingestellt, Respekt vor seiner Leistung.“



Silber für Christian Hein:
v.l.n.r Hein, Paul Biedermann, Manuael Schwarz
Nach dem Erfolgen von Pastor und Hein über die 1500 Meter verpasste Dimitri Colupaev nur hauchdünn den dritten Treppchen-Platz für die SG EWR Rheinhessen Mainz. Der 18-Jährige Colupaev belegte über die 100 Meter Brust in 59,37 Sekunden den vierten Platz, genau 0,45 Sekunden hinter Markus Deibler aus Biberach. „Bis zur 75-Meter-Marke war ich richtig gut im Rennen, ehe ich die allerletzte Wende verpatzt habe. Dann sind die Konkurrenten weggezogen“, berichtete Colupaev, der trotzdem einen neuen persönlichen Rekord schwamm. „Die Qualifikation zur Kurzbahn-EM war mein erklärtes Ziel, das habe ich erreicht - und deshalb bin ich jetzt richtig glücklich“, freute sich Colupaev, nachdem er im Vorlauf nur den fünften Platz belegt hatte. „Allerdings lagen im Vorlauf alle ganz eng beieinander, und ich wusste, dass ich mich noch steigern kann.“ Um sich dann komplett auf die 100 Meter Brust zu konzentrieren, hatte er auf das Finale über die 200 Meter Freistil nach dem fünften Platz im Vorlauf (1:45,82) verzichtet. „Bei meinen beiden Starts am Wochenende will ich mich unbedingt für die Kurzbahn-EM qualifizieren. Deshalb bin ich hier“, sagte Colupaev, der erneut bekräftigte, dass er in Essen die letzten Rennen für die SG EWR schwimmt. „Nach der DM werde ich mir überlegen, wie meine sportliche Zukunft aussieht.“
Nach nur zwei Wochen im Amt konnte SG-Cheftrainer Lothar Schubert ein positives DM-Fazit ziehen. „Drei Medaillen sind einfach wunderbar, ich bin sehr zufrieden. Aber auch unsere weiteren Starter haben tolle Leistungen abgeliefert“, sagte Schubert vor allem mit Blick auf Stefanie Keilen (Jg. 93) und Lisa Schott (Jg. 88), die jeweils persönliche Bestleistungen über die 50 Meter Rückenschafften. Dominik Kopyto (Jg. 93) und Marc-Oliver Stein (Jg. 89/50 m Freistil) erzielten sogar neue SWSV-Rekorde, während Manuel Belzer (Jg. 91) mit zwei neuen Bestleistungen über die 400 Meter (8.) und 1.500 Meter (5.) jeweils Top-Plätze belegte.
siehe auch
Bilder der Deutschen Kurzbahnmeisterschaften
alle Ergebnisse
SG-Ergebnisse
Schubert neuer SG-Cheftrainer
Dirk Lange neuer Bundestrainer
Sportler: Kommen und Gehen
Dt. Freiwasser: Pastor holt sich Titel
Verfasser: Matthias Müller nach FAZ 01.12.2008, sid und AZ-Mainz 27./28./29. November./1. Dezember 2008
Veröffentlichung: AQUA 3 | 2008


