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AQUA 08 | 3
Schubert neuer SG-Cheftrainer
Schubert neuer SG-Cheftrainer
Evseev, Maurer und Colupaev finden keine neue Heimat beim USC Mainz

Lothar Schubert heißt der neue Cheftrainer der SG EWR Rheinhessen-Mainz. Der 42-Jährige, der bislang für den SG-Nachwuchs sowie für die Zweite Mannschaft verantwortlich zeichnete, tritt ab sofort die Nachfolge von Nicolai Evseev an.
MAINZ, BINGEN - "Ich bin sehr glücklich, diese spannende Aufgabe übernehmen zu dürfen", sagte Schubert. Nachdem der auslaufende Vertrag mit Evseev wegen internen Querelen nicht verlängert werden sollte, machte sich die SG EWR auf die Suche nach einem geeigneten Nachfolger. "Es gab drei externe Bewerber, die ihre Sportler in früheren Jahren bereits zu Olympischen Spielen geführt hatten. Allerdings passten diese Bewerber nicht in unser Profil, da ihnen das entsprechende Charisma fehlte", berichtete SG-Vizepräsident Steffen Grummt über den Hintergrund der Suche. Weil der Trainer-Markt ansonsten sehr dünn besetzt sei und "wir gleichzeitig einen richtig guten Nachwuchs-Coach in unseren Reihen haben", sei die Entscheidung im Vorstand einstimmig für Lothar Schubert gefallen. "Mit dieser internen Lösung wollen wir den Fußballern des 1. FSV Mainz 05 nacheifern - mit Jürgen Klopp hat es ja glänzend funktioniert", sagte Grummt mit einem Lächeln. In den vergangenen Jahren hat die SG nach Angaben des Geschäftsführers Peter Kropf überproportional viele Talente verloren. Was Kropf wiederum nicht alleine an der harten Hand Evseevs festmacht. Ein Ziel Schuberts und dessen Trainerteam muss also sein, wieder einen breiten Unterbau zu gewinnen. Aber klar ist auch, dass der Verein national weiter eine gute Adresse sein muss, sonst erübrigt sich der Ruf nach Zuschüssen.
Dass Schubert als Evseev-Nachfolger in große Fußstapfen tritt, ist dem gebürtigen Mainzer jedenfalls bewusst. "Auch wenn Nicolai interne Probleme im Verein hatte, war seine Arbeit im Hochleistungsbereich ganz hervorragend. Als Krönung natürlich die Olympia-Teilnahme von Angela Maurer", verwies Schubert auf die Erfolge seines Vorgängers. Allerdings hat Nicolai Evseev sehr stark auf das Langstrecken-Schwimmen gesetzt. Ich glaube jedoch, dass das für viele Sportler nicht der richtige Weg ist." Lothar Schubert war früher selbst aktiver Schwimmer in Ingelheim und Mainz. Seit Mitte der 90er Jahre arbeitete er für verschiedene Schwimmvereine im Mainzer Raum und trainierte unter anderem eine Zweitligamannschaft im Triathlon. 2001 bot ihm der SSV Bingen - damals noch kein Mitgliedsverein der SG - den Cheftrainer-Posten an. Innerhalb weniger Jahre führte er die SSV-Mannschaft zu beachtlichen Erfolgen auf der Landesebene und deutschen Jahrgangsmeisterschaften. Vor vier Jahren wechselte Schubert dann als Nachwuchstrainer zur SG, blieb aber seinem Heimatverein SSV Bingen als Cheftrainer mit geringerem Stundenumfang treu. Mit dem Komplettaustausch des SSV-Vorstandes 2006 übernahm er zusätzlich das Ehrenamt des Sportlichen Leiters. Hier wirkte Schubert ander Erneuerung der Strukturen des SSV, der damals jedes Jahr vierstellige Verluste anhäufte. Trotz Beschneidung von Trainingszeiten durch den Umzug in das Regiobad "rheinwelle" Ende 2006 und Konkurrenz durch Badbetreiber, SSV Ingelheim und SV Bingerbrück wurde das Schwimmkurs-Konzept Schuberts ein Erfolg, der den SSV Bingen wieder auf eine solide finanzielle Grundlage stellte. Bei der SG EWR Rheinhessen Mainz baute er zuletzt eine schlagkräftige Nachwuchsmannschaft auf, die viele nationale Titel und Altersrekorde einfuhr.
Stellungnahmen & Meinungen
SG: Pressemitteilung 
SSV gratuliert Schubert
Christian Hein: "absolut positiv" (AZ Mainz 27.11.2008)
Nadine Pastor: "Herr Schubert hat die erste Mannschaft
von heute auf morgen übernommen und wurde praktisch ins
`kalte Wasser` geschmissen. Doch er hat uns super
eingestellt, Respekt vor seiner Leistung."
(AZ Mainz 28.11.2008)
Die Berufung zum SG-Chefcoach ist der Höhepunkt seiner bisherigen Trainer-Laufbahn. Die SG-Führung ließ in ihrer Pressemitteilung verlauten: "Auf einstimmigen Beschluss unseres Vorstandes wurde aufgrund der bisherigen Ergebnisse von Herrn Schubert im Schwimmsport, der Entwicklung von Bundeskadern und der Erringung von Medaillen bei Deutschen Jugendmeisterschaften, seines persönlichen Engagements und seiner pädagogischen Fähigkeiten diese wichtige sportpolitische wegweisende Entscheidung für den Schwimmsport in Rheinhessen getroffen. Mit seinem persönlichen Fingerspitzengefühl und dem Drang, perspektivisch im Hochleistungsbereich zu arbeiten, wurde schnell eine schlagkräftige Nachwuchsmannschaft geformt, die in den Jahren 2007 und 2008 bei den jeweiligen Höhepunkten, den deutschen Jugendmeisterschaften, immer unter den Top 10 vertreten war. Bisherige Höhepunkte seiner Trainerlaufbahn sind dabei die deutschen Meistertitel unserer Brustspezialistin Laura Simon im Jahr 2007 und 2008, der von ihr geschwommene deutsche Jahrgangsrekord und weitere unzählige Medaillen, Finallaufplatzierungen bei deutschen Meisterschaften. Mit dieser kontinuierlichen Arbeit zeigt sich Herr Schubert auch verantwortlich für eine fast komplette Neustrukturierung der Rekordlisten im Bundesland Rheinland-Pfalz im Nachwuchsbereich."
Zwei Tage nach der Benennung Schuberts zum SG-Cheftrainer traf sich der Vorstand des SSV Bingen zu einer außerordentlichen Sitzung, um über die weitere sportliche Zukunft der Schwimmgruppen zu beraten. Als Ergebnis wurde beschlossen: Lothar Schubert bleibt bis auf weiteres Sportlicher Leiter des Binger Schwimmvereins, seine Trainingsgruppen werden jedoch auf zwei andere Trainerinnen des Vereins verteilt. Das Nachwuchsteam übernimmt ab sofort Sandrine von Krosigk. Die 1. Mannschaft und Masters werden von Susanne Ehling betreut.
Colupaev und Maurer ohne Verein
Während die Ernennung Schuberts zum Cheftrainer durchweg auf positive Resonanz im Verein stieß, muss der Verein aber auch mit der Kehrseite der Medaille leben. Neben dem ehemaligen Trainer Nicolai Evseev verlassen auch dessen Lebensgefährtin Angela Maurer und Schützling Dimitri Colupaev die SG. "Ich habe nichts gegen Herrn Schubert", versicherte Colupaev, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass er lieber mit seinem Landsmann Evseev weiter gearbeitet hätte. Wie es nun für ihn persönlich weitergehe, "weiß ich noch nicht". Er habe jedoch den Eindruck, dass der Verein schon nicht mehr mit ihm plane: "Das zeigt mir das Verhalten der Leute dort." Die Vorgänge um den beurlaubten Cheftrainer, die kritischen Äußerungen von dessen Lebensgefährtin Angela Maurer und die Kündigung Colupaevs sind für Steffen Grummt ein großes Ärgernis. "All dies hinterlässt keinen guten Eindruck beim Deutschen Schwimmverband (DSV), bei dem wir uns als Bundesstützpunkt beworben haben", fürchtete der SG-Vize vor Bekanntwerden der Nominierung. Doch auch nach der Feststellung des Freiwasser-Bundesstützpunktes in Mainz erteilte Anselm Oehschlägel, Vorsitzender des Südwestdeutschen Schwimm-Verbandes (SWSV) und Vize-Präsident des Deutschen Schwimm- Verbandes (DSV), den Hoffnung von Maurer und Colupaev, weiter mit Evseev als verantwortlichem Trainer zusammen arbeiten zu können, eine klare Absage. "Das Präsidium des SWSV hat entschieden, Maßnahmen, an denen der Trainer Evseev beteiligt ist, nicht mehr mit Geld zu unterstützen", erklärte Oehlschlägel auf AZ-Anfrage. Grund hierfür seien nicht etwa die fachlichen, sondern die sozialen Kompetenzen des Russen. Damit hat Nicolai Evseev nach Einschätzung Oehlschlägels in Mainz keine Zukunft mehr.
Nun sah es eine kurze Zeit lang so aus, als fänden Evseev, Maurer und Colupaev beim USC Mainz eine neue Heimat. "Die Gespräche mit dem USC sind erfolgreich abgeschlossen, seit zwei Wochen trainiere ich sogar schon beim USC. Jetzt geht es nur noch um kleine Formalitäten", bestätigte Maurer auf AZ-Anfrage (8. November). Damit schien das monatelange Tauziehen um die Zukunft der Olympia-Vierten geklärt. Eine Woche später schob der USC-Vorstand dem geplanten Wechseln doch einen Riegel vor, da der Verein "weder über die finanziellen noch die personellen Ressourcen" verfüge, um den Schwimmsport im Hochleistungsbereich zu betreiben.
"Wir sind aus organisatorischen Gründen nicht in der Lage, Frau Maurer und Herrn Colupaev zu verpflichten. Das ist eine vereinsinterne Entscheidung", sagte der USC-Vorsitzende Helge Pfeifer auf AZ-Nachfrage, nachdem Maurer und Colupaev (noch SG EWR Rheinhessen-Mainz) in der vergangenen Woche ihren Wechsel zum USC verkündet hatten. "Doch die beiden Athleten haben keinerlei Gespräche mit dem geschäftsführenden Vorstand geführt. Genau das wäre notwendig gewesen, um die Sachlage zu ergründen. Daraufhin hätten wir ihnen schon früher eine Absage erteilt", verwies Pfeifer auf die finanziellen und personellen Voraussetzungen seines Vereins. "Dies ist bei uns fast alles für die Leichtathletik vorgesehen. Unsere Ressourcen sind damit ausgeschöpft."
siehe auch
AZ Mainz: Colupaev und Maurer stehen ohne Verein da
AZ Mainz: Maurer startet für Undine Mainz
Maurer und Evseev verlassen SG
Maurer fehlten 1,25 Meter zur Medaille
Maurer und Colupaev erfuhren von der USC-Absage erst durch die Pressevertreter. "Es ist sehr traurig, wie man mit einer Spitzensportlerin umgeht, die so viel für die Region getan hat", sagte die Olympia-Vierte, die angibt, mit der Abteilungsleitung Schwimmen über den Wechsel verhandelt zu haben. "Bei diesen Gesprächen gab es nur positive Signale. Es ist unverständlich, weshalb sich die Meinungen jetzt so schnell ändern", sagte Maurer, die laut
Pfeifer aber nicht mit den endgültigen Entscheidungsträgern des Vereins gesprochen habe. Maurer sieht das jedoch anders: "Mir kommt das alles vor wie ein Komplott. Ich habe das Gefühl, dass ich in Rheinland-Pfalz nicht mehr gewollt werde." Eigentlich müsste Maurer weiterhin für einen rheinlandpfälzischen Verein starten, da sie derzeit eine Ausbildung bei der hiesigen Polizei absolviert. "Aber in Mainz oder Rheinland-Pfalz sehe ich derzeit keine Chance mehr." Sie könne sich jedoch vorstellen, zurück zu ihrem Heimatverein LSC Wiesbaden zu wechseln. "Aber wie es dann mit meiner Polizei- Ausbildung aussehen würde, kann ich jetzt auch noch nicht sagen." Ähnlich ratlos äußerte sich der 18-jährige Dimitri Colupaev nach seiner Rückkehr von der Kurzbahn-EM aus Kroatien. "Ich dachte, der Wechsel wäre bereits geklärt. Doch jetzt weiß ich wirklich nicht, wie es weitergehen soll", sagte der Zwölftklässler der Stresemann-Wirtschaftsschule. Im schlimmsten Fall würde er sogar die Schule und den Wohnort wechseln, um bei einem ambitionierten Schwimmverein unterzukommen. "Ich bin einfach sehr enttäuscht über die Leute in Mainz, die andauernd über den Spitzensport reden und uns jetzt so im Stich lassen." Diese Auffassung wird von Helge Pfeifer jedoch nicht geteilt. "Ich bin immer dafür, dass Leistungssportler in Mainz gehalten werden. Aber es müssen die Strukturen stimmen, und das ist bei unserem Verein nicht der Fall. Wir sind auf die Leichtathletik ausgerichtet." Egal für welchen Verein Maurer und Colupaev im nächsten Jahr starten werden - die Diskussionen und Querelen der letzten Monate werfen kein gutes Licht auf die "Sport-Stadt" Mainz.
Verfasser: Matthias Müller nach AZ-Mainz 17., 27. November und 16. Dezember, Presseerklärung SG 15. November, Presseerklärung SSV Bingen 20. November 2008
Veröffentlichung: AQUA 3 | 2008