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AQUA 08 | 3
DSV-Hauptsponsor adidas kündigt Vertrag fristlos
DSV-Hauptsponsor adidas kündigt Vertrag fristlos

KASSEL - Deutschlands Schwimmer haben mit ihrer harschen Kritik ihren Ausrüster vertrieben und stehen im Kampf um einen sportlichen Neuaufbau plötzlich ohne Geldgeber dar. "Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) wurde von adidas heute über die fristlose Kündigung des bestehenden Ausrüstungsvertrages in Kenntnis gesetzt. Die Basis für eine weitere Zusammenarbeit ist auf Grund der jüngsten Ereignisse nicht mehr gegeben", schrieb adidas-Sprecher Oliver Brüggen am Montag, einen Tag nach der Kurzbahn-Europameisterschaften in Rijeka (Kroatien). Der eigentlich bis Ende 2009 laufende Vertrag war für den DSV jährlich rund eine Million Euro wert.
Die Aufkündigung stürzt den deutschen Schwimmsport in eine unabsehbare finanzielle Krise. Der DSV wurde von der Kündigung völlig überrascht. "Ich sehe kein Fehlverhalten der Athleten und schon gar nicht des DSV", stellte DSV-Präsidentin Christa Thiel fest. Und: "Selbst wenn ein Athlet sich fehlverhalten würde, gäbe es eine klare Vertragsstrafen- Regelung." Generalsekretär Jürgen Fornoff wollte den Schritt von adidas nicht kommentieren: "Ich muss nachdenken." Der Sportartikelhersteller machte indes deutlich, dass sich das Unternehmen auch künftig im Schwimmsport engagieren werde.
"Wir wollten ein klares Zeichen setzen"

Wenige Tage zuvor hatten die deutschen Schwimmer bei den Kurzbahn-EM für einen Eklat gesorgt. Thomas Rupprath und Helge Meeuw starteten im Finale über 50 Meter Rücken in altertümlichen Badehosen, schenkten damit eine mögliche Medaille her und brachten so den Unmut über die Situation im Schwimmsport mit der Entwicklung der Wettkampfanzüge zum Ausdruck. "Das hat nicht mehr viel mit Schwimmen zu tun. Hier kommen Leute, die wir sonst im Griff haben und nehmen uns unsere Rekorde und Medaillen weg", sagte Rupprath und forderte: "Entweder es gibt bald einheitliche Regeln oder wir sollten zumindest die Anzüge frei wählen können." Rupprath verlor im Halbfinale seinen Europarekord an den Slowaken Lubos Krizko (23,15) sowie seinen Titel an den Russen Stanislaw Donez (23,22). Er wurde in der knappen Badehose Fünfter (24,18). Der Frankfurter Meeuw (24,36) belegte im Endlauf den achten Rang und sagte anschließend: "Wir wollten ein klares Zeichen setzen. Uns geht das so auf den Keks." Zuvor hatte schon Paul Biedermann mit einer Boykott-Ankündigung des Wettkampfanzugs für die WM 2009 in Rom die Wellen beim DSV hochschlagen lassen und den Verband sowie DSV-Ausrüster adidas unter Druck gesetzt. Zum finanziellen Verlust des Verbandes bei einer freien Anzugwahl äußerte Biedermann: "Wir sind bereit, Trainingslager und Wettkämpfe selber zu zahlen. Wir wünschen uns alle, dass wir uns allein an den Leistungen messen können."
siehe auch
Deutsche gehen bei Kurzbahn-EM unter
Mit Anzügen nicht alles erklärbar Das Verhältnis zwischen dem Unternehmen und dem DSV war schon lange belastet.
DSV-Schwimmer hatten bereits vor Olympia in Peking herbe Kritik an den angeblich nicht konkurrenzfähigen Schwimmanzügen geübt. Bei der Kurzbahn-Europameisterschaft in Rijeka kochte die Anzug-Diskussion wieder hoch. Während die Konkurrenz zehn Weltund 14 Einzel-Europarekorde aufstellte, verbuchte das DSV-Team mit einer Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen das schlechteste Abschneiden seit Einführung der EM-Titelkämpfe. "Wir sind keine europäische Spitze mehr als Mannschaft", stellte der neue Bundestrainer Dirk Lange nach der verpatzten
Kurzbahn-EM fest. Auch Sportdirektor Lutz Buschkow zog ein ernüchtertes Fazit: "Das zeugt vom momentanen Stand des Schwimmens. Vor uns liegen viel Arbeit und hartes Training." Vor einem Jahr mit 19 Medaillen noch die erfolgreichste europäische Nation, fand sich sich der DSV mit lediglich sechsmal Edelmetall auf Platz acht des Medaillenspiegels wieder. Und mit den High-Tech-Anzügen der Konkurrenz war nicht alles erklärbar. Routiniers und Youngsters blieben allzu deutlich hinter ihren Leistungen der deutschen Meisterschaft zwei Wochen zuvor zurück.
Der Vertrag des DSV mit adidas lief seit 2006. Britta Steffen schwamm in Peking zum Doppel-Olympiasieg. Die Berlinerin hat einen persönlichen Vertrag mit dem Unternehmen aus Herzogenaurach. Dieser Kontrakt ist nach den Olympischen Spielen verlängert worden und von der Kündigung des Vertrags mit dem Verband nicht betroffen.
Verfasser: Matthias Müller nach FAZ 12. und dpa 15. Dezember 2008
Veröffentlichung: AQUA 3 | 2008