Neuigkeiten AQUA 02 | 1 Landesjugendtreffen 2001 in Kaiserslautern


SSV Bingen - ein Ab und Auf?

Wenn die kleinsten der Kleinen auf dem Startblock stehen, bleibt keiner der Zuschauer am Beckenrand ruhig stehen. „Auf die Plätze, ...“- die Kamera läuft –„Pfiff!“, und ein Blitzlichtgewitter fährt durch die Halle. Manch ein Elternteil, der dem Spektakel zum ersten Mal beiwohnt, erscheint in diesem Augenblick nervöser als der junge Wettkämpfer selbst. Und niemand vergisst wohl die letzten fünf aufregenden Meter bis zum Ziel.

Zugleich erste Bewährungsprobe für den Lothar‘schen Weihnachtsmann, entwickelte sich die Vereinsmeisterschaft 2001 und anschließende Feier zu einem Meilenstein auf dem Weg eines Schwimmvereins, der den Generationswechsel möglicherweise bewältigt hat. Persönlich unvergessen bleiben die markerschütternden Aufforderungen Gisela Lunkenheimers – neckisch Lunki gedutzt – an ihre Schützlinge, sich nun aber bitte flugs zum Startblock zu begeben, ohne in der Zwischenzeit diverse erfolgssteigernde Optimierungen der Schwimmtechnik zu vergessen, die ihnen erst wenige Minuten früher in eindringlicher Weise näher gebracht wurden. Ihr gegenüber standen innerhalb weniger Jahre vier Trainer als Supervisor der ersten Mannschaft – zuletzt die Schwimmerin Jennifer Franz.

Nach einem sicher nicht einfachen Jahr für den Verein arbeitete sie engagiert und mit großem Ambitionismus in ihrer Freizeit am Wiederaufbau der Mannschaft. Unter dem häufigen Trainerwechsel stark in Mitleidenschaft gezogen hielt sich so zu guter Letzt ein wackerer Rest von sechs bis sieben Schwimmern, die sich in regelmäßigen Abständen in Jennys Obhut begaben, um sich von ihr im 10-Sekunden-Takt über die Wellen jagen zu lassen. Auch nach der Zusage zu Jennys Studienplatz in Osnabrück bewies das Team kaum für möglich gehaltene Disziplin und Ausdauer beim Einhalten des Programms, selbst wenn ein sklavisch genaues Durchschwimmen nach vorgelegtem Trainingsplan kaum der Fall war. Doch auch die größte Motivation gerät mit der Zeit zunehmend in den Hintergrund, wenn der Antrieb von außen fehlt – sprich: Die anfängliche Freude über entspannte Trainingstage und die Möglichkeit zum Austausch der letzten Tratschgeschichten mit der Schwimmkollegin entwickelte sich zusehendst zu einer gähnenden Session, deren Überziehen um fünf oder zehn Minuten keine Rolle mehr spielte. Die neuerliche Krise blieb nun auch den Beistehenden nicht mehr verborgen, als da der Binger Co-Verein SV Bingerbrück schon seinerseits von dem „Abwerben“einer 25-Meter-Bahn vom SSV reden machte. Auf der anderen Seite erreichte den mit der neuen Situation konfrontierten Vorstand ein Unterschriftenbrief, der die Ausgangslage nochmals mit aller Sorge darstellte und eine Lösung des Problems forderte. Soweit nichts neues.

Ein kleiner Zeitsprung: Ein Montag Nachmittag im Büdesheimer Hallenbad. Die erste Mannschaft des SSV Bingen trifft sich wie üblich zum Training... und erkennt sich selbst nicht wieder: Dreizehn Schwimmer tummeln sich am Beckenrand und lauschen gebannt den Worten eines jungen Mannes Mitte dreißig, der sich sonderbar räkelnd und windend den Unterschied zwischen Enten– und Hundekraul klar zu machen versucht. Der Versuch, sich nun schließlich selbst paddelnd und gründelnd in Bewegung zu setzen, endet dermaßen mit Lachkrämpfen, dass man die nächste Übung schon beim Start nicht mehr erwarten kann. Mit dem guten St. Nik‘laus der Weihnachtsfeier scheint die Welt wieder in Ordnung, kehrt wieder Motivation und vor allem Spaß ein. Ist das unsere Zukunft, sehe ich auch im nächsten Jahr wieder die aufgeregten Eltern am Beckenrand stehen, junge Schwimmer an ihrer Technik feilen und die Großen über die Wellen jagen.

Dann geht es wieder auf!

Verfasser: Matthias Müller
Veröffentlichung: AQUA 1 | 2002